Ballet Mécanique #17 (1917-Spezial): Arsenal

In Zeiten vorrangig digitaler Vorführpraxis wollen wir euch im LURU-Kino in der Spinnerei mit unserer Stummfilm-Reihe BALLET MÉCANIQUE auch nach der Sommerpause wieder ein analoges Kontrastprogramm bieten: Ausschließlich mit historischen Filmkopien auf 35mm-Material, die wir dieses Mal aus den Archiven

des Arsenals und der Deutschen Kinemathek leihen, soll euch die Stummfilmepoche in einer ästhetisch wie technisch adäquaten Kinosituation und unter spezifischen Vorführbedingungen näher gebracht werden. Wie bereits in den ersten drei Teilen der Reihe (die sich von März 2016 bis Juni 2017 erstreckten) werden von September bis Dezember einmal monatlich mittwochs die analogen Projektoren für euch anlaufen – eine Erfahrung, die man außerhalb eines Filmmuseums mittlerweile kaum noch machen kann. Es ist uns wichtig, neben einer spannenden Auswahl an filmhistorisch relevanten (und mitunter schwer verfügbaren) Werken auch die Materialität und ästhetische Eigenheit dieses aus dem Kino-Alltag verschwundenen Mediums zu würdigen. Zudem setzen wir unseren bewährten, auf die Visualität des Films fokussierten Ansatz fort: Die Filme werden stumm, das heißt ohne musikalische Begleitung, zu sehen sein. Diese intensive, in Leipzig sonst nicht praktizierte Form der Vorführung entspricht zwar im Grunde nicht der historischen Vorgehensweise (ist somit eine Art Interpretation unsererseits) hat aber ihre ganz eigenen Vorzüge: Die rein bildliche Ebene des Films – das „ballet mécanique“ – kann hierdurch besonders prägnant erfahren werden. Dessen innere Struktur, seine durch Montage erzeugte Rhythmik sowie bestimmte Nuancen der Mise-en-scène werden dabei so augenscheinlich, dass die Filme zwar vielleicht ungewohnt, aber doch ganz neu gesehen werden können.

Dieses Mal haben wir jedoch eine Veränderung in unserer Konzeption vorgenommen: War es bislang ein Stummfilm-Doppel, das bei der Zusammenstellung auf eine möglichst konflikthafte sowie manchmal assoziative Paarung aus war, werden es jetzt Veranstaltungen mit je einem Film, die dafür aber in ein engeres Verhältnis zueinander treten. Das einhundertjährige Jubiläum der russischen Oktoberrevolution zum Anlass nehmend, präsentieren wir euch ausschließlich sowjetische Produktionen, die mal direkt mal vermittelt dieses bedeutende Ereignis inszenieren und dies sowohl in der Gattung des Spielfilms – dem genuin sowjetischen Genre des „Revolutionsfilms“ – als auch in eigenständigen Ausprägungen des frühen Dokumentarfilms.

20 Uhr:

ARSENAL (Oleksandr Dowschenko, UdSSR 1928)
Grotesk verzerrte Gesichter hysterisch lachender Frontsoldaten, die einem Lachgas-Angriff erliegen; ein sprechendes Pferd, das sich beim Bauern über sein Schicksal beschwert; die Niederschlagung eines proletarischen Aufstandes im „Arsenal“-Werk Januar 1918 durch die nationalistische, der bolschewistischen Revolution feindlich gesinnte ukrainische Petljura-Regierung; verschneite Dörfer und ein schräg durchs Bild eilender Zug; schließlich der Kiewer Arbeiter Timosch, dem buchstäblich feindliche Kugeln nichts anhaben können … Revolutionsfilm trifft hier auf Volkslied: ARSENAL, der mit DER VERZAUBERTE WALD (UdSSR 1928) und ERDE (UdSSR 1930) eine lyrische, ländlich geprägte Ukraine-Trilogie bildet, stellt gegenüber den russischen Positionen Eisensteins oder Pudowkins einen formal wie inhaltlich eigenständigen Weg des ukrainischen Regisseurs Oleksandr Dowschenko dar.
Romantisches Sentiment geht in diesem teils überbordenden Panorama ukrainischer Revolutionsgeschichte mit Folklore und kämpferischem Pathos einher. Dabei ist stets das bis dato im sowjetischen Film nicht übliche, regionale Element präsent; der mitunter überhöhten Heimat des Regisseurs und ihrer Bewohner wird ein filmisches Denkmal gesetzt. Im Tonfall changiert ARSENAL dabei immer wieder zwischen beißendem Sarkasmus, symbolisch-verdichteter Dramatik und krassen, geradezu wütend-schonungslosen Bildern physischen Leids, vor allem die eingangs geschilderten Kriegsgreuel betreffend.
Stilistisch erreicht das Ganze dabei ebenso keine schlüssige Einheit – was dessen Originalität aber keinen Abbruch tut. Dynamische Montagefolgen, in denen gesellschaftliche Gegensätze visuell kollidieren, und schwindelerregende Kameraperspektiven stehen neben leiseren Impressionen oder extremer, an den Expressionismus gemahnender Ausdrucksverdichtung. Sinnlich-konkrete Schilderungen auf der einen Seite, abstrakte, mehr an einen Märchenhelden als an einen glaubhaften Menschen erinnernde Arbeiterfigur, auf der anderen. Kündigt sich hier schon die schablonenhafte Ästhetik des „positiven Helden“ der 1930er-Jahre an, wie die Filmhistoriker Enno Patalas und Ulrich Gregor vermuten?

weitere Termine des Oktoberrevolution-Spezials:

6. Dezember:
DER GROSSE WEG / WELIKI PUT (Esther Schub, UdSSR 1927)
+ Bonusfilm: LENINSKAJA KINOPRAWDA (Dsiga Wertow, UdSSR 1925)

Bei allen vier Veranstaltungen wird es zudem eine Einführung des Kurators der Reihe Tilman Schumacher geben.

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Spinnereistr. 7, 04179
Leipzig
15 November , Mittwoch 20:00

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