Bon Iver

Über all die Jahre habe ich viele Leute in verschiedenen Teilen der Welt getroffen, die von Bon Iver verzaubert worden waren. Zweifellos war es aufregend, das mitzubekommen, aber es hatte bisweilen auch etwas Seltsames. Vielleicht hat das etwas mit dem breit gestreuten Offenlegen unserer

Lebensgeschichten zu tun, diesem Bündnis von Freunden.

Justin wuchs das alles über den Kopf. Irgendetwas war in diesem verrückten Tohuwabohu der hinter ihm liegenden Jahre auf der Strecke geblieben. Die Musik schien ihm nichts mehr zu geben. Die Beschleunigung, die ständigen Wiederholungen und das Ausgeliefertsein hatten den so begehrten Traum in etwas verwandelt, das sich wie ein verblödender Vergnügungspark ausnahm. Was sollte das alles? Was versuchen wir hier eigentlich zu erreichen?

Diese unglaublichen Turbulenzen, die er nach diesen Alben durchlebt hat, lösten einen inneren Sturm aus, jagten ihm förmlich eine nahezu pathologische Angst ein. Wie hätte es auch anders sein können. Der Traum war jetzt kaum mehr zu steuern. Die Krise spitzte sich an einem einsamen Strand am Atlantik zu. Ich wurde Zeuge, wie mir mein bester Freund weinend in den Armen lag, vollkommen verloren in einer Welt, die er nicht verstand und die ihn zu zerreißen
drohte. Justin konnte kaum mehr sprechen. Wenige Tage später nahm er, nach einem missratenen Trip auf eine Insel vor Griechenland, die ersten Zeilen von „22, A Million“ auf einem
Diktiergerät auf: „It might be over soon“. Diese Prognose, mit der das neue Unterfangen von Bon Iver beginnt, erinnert uns daran, wie fragil unsere Existenz ist. Warum muss sich, obwohl alles um einen herum stabil erscheint, alles auflösen und einem durch die Finger rinnen? Wie können wir an dem festhalten, was uns wichtig ist? Welchen Sinn ergeben Ereignisse, die uns förmlich zerreißen? Welche Wahl haben wir und wie entscheiden wir uns richtig? Es war der erste Versuch,
den immensen inneren Knoten zu lösen. Wenn man mit seinen Dämonen konfrontiert wird, muss man sich den Spiegel vorhalten, um die andere Seite zu erkennen. Für Justin führt dieser Schritt zur 22.

22 ist Justin‘s Zahl. Eine Zahl, die so oft in seinem Leben aufgetaucht ist, dass sie ein bedeutsames Muster ergeben hat, das ihm immer wieder begegnet ist und in dem er sich erkannt hat. Eine Zahl auf einem Meilenstein, auf einem Trikot, auf einer Rechnung. Die Spiegelung der „2“ bringt seine in der Dualität verhaftete Identität zum Ausdruck: die Beziehung zu sich selbst und die Beziehung zum Rest der Welt. A Million steht für den Rest der Welt, für die Millionen von Menschen, die wir nie kennenlernen werden, die unendlichen und endlosen, alle, die außerhalb von dir stehen und die dich doch definieren. Diese andere Seite von Justin‘s
Dualität ist das, was ihn erst vollkommen macht und nach dem er sucht. „22, A Million“ ist daher zum Teil eine Liebeserklärung, zum Teil eine lang ersehnte Oase nach einer zwei Jahrzehnte währenden Suche nach sich selbst, die fast religiöse Formen angenommen hatte. Und die
Erkenntnis, dass diese Suche vielleicht vergeblich ist. Wenn Justin „I’m still standing in the need of prayer” singt, fragt er geradezu flehend, wer oder was es wert ist, angebetet zu werden, was überhaupt noch anbetungswürdig ist. Wenn Musik eine heilige Form ist, etwas zu entdecken, zu wissen und zu sein, dann sind Bon Iver‘s Alben Totems jenes Glaubens.

Die zehn Songs auf „22, A Million“ sind eine Sammlung heiliger Momente, die Qualen und das Seelenheil der Liebe, die Zusammenhänge starker Erinnerungen, Zeichen, in die man eine Bedeutung hineininterpretieren oder sie als Koinzidenz abtun kann. Wenn Bon Iver‘s Album „Bon Iver“ ein Biotop ist, das in physischen Räumen verwurzelt ist, dann löst sich „22, A Million“ von dieser Verhaftung an einem bestimmten Ort ab. „Ich ziehe viel mehr einen ganz anderen Ort in Betracht – unsere Freundschaften und Verbindungen zu anderen Menschen.“ Justin macht dies in Sekunde 33 von „GOD“ noch einmal deutlich: „These will just be places to me now”.

All diese Worte offenbaren die Rätselhaftigkeit von Dualitäten: Schmerz und Liebe, Leiden und Erlösung, Omen und Zufall. Diese Ambiguität und die Interpretation bilden den Kern von Justin‘s schöpferischen Songtexten: Es gibt immer zwei Arten die Dinge zu betrachten. Hinter diesem daoistischen Impressionismus spüren wir die Schritte seines Weges, der Beziehungen, die dieses Album geprägt haben. Die Freunde, die sich in verschiedenen Rollen der Realisierung dieser
Musik gewidmet haben, steuerten gegen, hatten stets offene Ohren und zeigten großes Verständnis.

Auch wenn „22, A Million“ aus dem aufwühlenden Kontext eines Wandels in Justin‘s jüngster Zeit entstanden ist, basiert es doch darauf, wie wir Musik stets empfunden haben und was Musik bewirken und auslösen kann. Es geht nicht um die nachvollziehbare Macht des Geldes oder um Ruhm, der den Lebensweg entscheidend verändert, es geht vielmehr um Mitgefühl. Musik eröffnet uns einen Weg, der es uns ermöglicht, uns selbst und den Menschen um uns herum
besser zuzuhören. Sie ist ein Weg, um zu verstehen, dass Aktivität Wandel in Echtzeit erzeugt. Musik ist, selbst in seinen intimsten Momenten, ein Verbindungsweg zwischen uns allen. Sie ist die praktische Grundlage für Menschlichkeit und das Menschsein insgesamt. Sie ist zwischen Menschen etwas Heiliges und bewirkt im Gegenzug, dass Beziehungen durch sie heilig werden. Sie ist die lebensfrohe Substanz, nach der wir greifen, wenn uns das Wasser über den Kopf steigt.
Die Antwort lag eigentlich schon immer auf der Hand: Musik und nichts anderes, jederzeit.

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Pfaffenwiese 301, 65929
Frankfurt
24 Januar , Dienstag 20:00

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